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„Damals von den Frauen angehimmelt“: Dirigent verrät, was im Wiesn-Zelt jetzt noch ganz anders läuft 

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Gepflegte Blasmusik spielten der Karlsfelder Kapellmeister Reinhard Hagitte (rechts vorne) und die Mittagsbesetzung seiner Augustinerfestkapelle auf dem Münchner Oktoberfest in diesem Jahr.
Gepflegte Blasmusik spielten der Karlsfelder Kapellmeister Reinhard Hagitte (rechts vorne) und die Mittagsbesetzung seiner Augustinerfestkapelle auf dem Münchner Oktoberfest in diesem Jahr. © ep

Seit 2001 ist Karlsfelder Reinhard Hagitte Chef der Augustiner Oktoberfestkapelle. In dieser Zeit hat er viel erlebt. Nach dem Ende der diesjährigen Wiesn, blickt der 68-Jährige zurück.

Karlsfeld – 17 Tage lang war er auf dem Oktoberfest im Einsatz. Von 12 bis 22.30 Uhr dirigierte der Karlsfelder Reinhard Hagitte im Augustiner-Zelt seine Oktoberfestkapelle. Ohne auch nur einen halben Tag zu schwächeln. Im Interview erzählt der 68-Jährige, wie er das Oktoberfest in diesem Jahr erlebt hat, was er von Wiesn-Hits wie Layla hält und worauf man als traditionelle Blaskapelle achten sollte.

Herr Hagitte, das Oktoberfest ist vorbei. Wie war der letzte Wiesn-Tag für Sie? Und wie fühlt sich der erste freie Tag nach Ihrem Mammut-Einsatz an?

Reinhard Hagitte: Die Stimmung war sehr gut. Mich hat gefreut, dass ich für mein Engagement von der Wirtefamilie Vollmer geehrt wurde. Jetzt muss ich noch die Noten sortieren und verräumen. So langsam komme ich wieder im Alltag an. Es war doch ganz schön stressig.

Oktoberfest in München: Dirigent 17 Tage im Einsatz - „Langsam komme ich wieder im Alltag an“

Und auch rein körperlich eine Riesenleistung. Wie haben Sie das geschafft?

Ich versuche, mich das ganze Jahr über fit und gesund zu halten. Wir haben alle zwei Stunden eine halbe Stunde Pause. Ich esse eher leicht, eine Nudelsuppe oder Leberknödelsuppe.

Wie haben Sie die Wiesn in diesem Jahr erlebt?

Wir hatten durchweg positive Rückmeldungen. Für uns ist es optimal gelaufen. Etwas angeschlagen mit der Stimme bin ich jetzt aber schon. Und der Kopf dröhnt noch.

Dirigent seit über 20 Jahren im Wiesn-Einsatz - „Früher haben die Musiker ganz schön hingelangt“

Wie ist das eigentlich, wenn die Kapelle „Die Krüge hoch“ anstimmt? Trinkt man da wirklich jedes mal mit?

Früher war das so, da haben die Musiker ganz schön hingelangt. Wir trinken eher Wasser oder Spezi oder ein Alkoholfreies. Das hält man sonst nicht durch.

Seit 2001 sind sie Chef der Augustiner Oktoberfestkapelle. Wie kamen Sie an diesen Dirigentenposten?

Meine Vorgänger Ernst Hanisch und Richard Schäffer kannten mich bereits. Als mich Schäffer fragte: ,Magst mein Nachfolger werden?’, habe ich nicht nein gesagt. Damals waren die Kapellmeister hoch angesehene Leute, die von den Frauen angehimmelt wurden. Aber das ist heute nicht mehr so.

Damals waren die Kapellmeister hoch angesehene Leute, die von den Frauen angehimmelt wurden. Aber das ist heute nicht mehr so.

Reinhard Hagitte, seit 2001 Chef der Augustinerfestkapelle

Woher kommen die Mitglieder der Kapelle?

Das ist breit gestreut: aus Freilassing, Wolnzach, Ingolstadt, Weilheim, München, auch aus der Karlsfelder Bigband. Manche fahren jeden Abend heim, manche nehmen sich ein Zimmer in München. Mir ist es wichtig, dass sie alle auch ihren Spaß beim Spielen haben. Das merkt man dann auch.

Wiesn-Dirigent im Interview: „Wir spielen auch mal Layla. Aber man muss aufpassen und Grenzen ziehen“

Was halten Sie vonWiesn-Hits wie Layla?

Die Mischung macht’s. Nachmittags kommen schon ein paar Stücke im Bigband-Sound vor, etwa Glenn Millers „In the Mood“. Die Partyschiene bedienen wir erst so ab 17, 18 Uhr. Wir spielen auch mal Layla, da kommt man nicht aus. Aber man muss aufpassen und Grenzen ziehen. Auch junge Leute sind nicht alle ballermannmäßig drauf, die haben das überhaupt nicht verdient. Die mögen auch anspruchsvolle Medleys etwa von Nena und ihren 99 Luftballons. Und Sweet Caroline oder Country Roads geht immer.

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Was spielt die Augustinerfestkapelle am liebsten?

In unserem Repertoire haben wir alles. Um Punkt 12 kracht der erste Ton, das ist der Marsch „Stammtischbrüder“. Da ist die Stimmung schon gut, mit der Mittagsbesetzung von zwölf Leuten. Um 15 Uhr sind wir 24 und in voller Stärke. Da heizt der bayerische Defiliermarsch ordentlich ein. Die traditionelle bayerisch-böhmische Blasmusik im besten Sinne kommt bei den Leuten gut an, auch bei den Jungen.

Bräurosl-Skandal: Dirigent stellt klar - „Ich find‘s unmöglich, die Leute tun mir leid“

Das hat das Publikum im Bräurosl heuer anders gesehen. Der Kapellmeister Josef Menzl durfte nur tagsüber mit seiner Blaskapelle spielen. Was sagen Sie zu dem Quasi-Rauswurf Ihres Kollegen?

Ich find’s unmöglich, die Leute tun mir leid, das ist eine exzellente Kapelle. Das hätte man im Vorfeld besser klären können. Die haben ihre Grenzen abgesteckt und das muss man akzeptieren. Sonst geht es mit der Tradition den Bach runter.

Interview: Elfriede Peil

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Die Augustinerfestkapelle

Die Augustiner Oktoberfestkapelle ist die älteste Wiesn-Kapelle. Sie wirkt als einzige Festkapelle des Münchner Oktoberfests beim großen Trachtenumzug mit.

Seit 2001 ist Reinhard Hagitte Chef der traditonellen Wiesn-Kapelle, die Wert auf bayerische und münchnerische Tradition legt. In seinem Heimatort Karlsfeld ist Hagitte als Leiter der Blaskapelle und Big-Band bekannt. Er studierte Posaune am Richard-Strauß-Konservatorium. So war Hagitte unter anderem Leiter der Unterföhringer Blaskapelle und des Posaunenchors der Gnadenkirche.

Wiesn-Erfahrung sammelte der Karlsfelder ab 1971 in der Kapelle vom Schützenzelt, später auch im Bräurosl und Hackerzelt. ep