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„Verklemmte Nazis“ und überschätzte Bielefelder: Die Geschichte des Dirndls in München

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Von: Miriam Haberhauer

Das Dirndl ist aus Bayern nicht mehr wegzudenken. Sein Ursprung wurde zuletzt häufig fälschlicherweise Bielefeldern und Nazis zugeschrieben. Eine Expertin klärt nun auf.

München – Das Dirndl: Von Bayerns Volksfesten ist das traditionelle Kleid nicht mehr wegzudenken. Auf der Wiesn liefern sich alljährlich die prominenten Damen im Käfer-Zelt ein Trachten-Schaulaufen. Sie wissen: die Bilder werden durch die sozialen Medien gehen. Das Dirndl als Klickgarant.

Oktoberfest 2022: Falscher Mythos: „Bielefelder brachten Dirndl nach München“

Oftmals wird behauptet, Julius und Moritz Wallach, zwei jüdische Geschäftsleute aus Bielefeld, hätten das Dirndl nach München gebracht. Die Trachtenexperten haben es in der Stadt populär gemacht. Zur Zeit des Nationalsozialismus mussten die Brüder dann in die USA fliehen. Ihr dritter Bruder, Max Wallach, wurde 1943 im Konzentrationslager Theresienstadt ermordet.

Tatsächlich wurde der Einfluss der Bielefelder auf die Entwicklung des bayerischen Dirndls zuletzt überschätzt, meint Simone Egger von der Universität Klagenfurt. Die Kulturwissenschaftlerin erklärt, die Wallach-Brüder gingen in der Münchner Ludwigstraße vor allem ihrer großen Sammlerleidenschaft nach: Im „Haus für Volkskunst und -trachten“ legten die Bielefelder den Grundstein für eine große Volkskultur-Sammlung - inklusive zahlreicher Dirndl.

Dirndl-Ursprung „heute nicht mehr nachvollziehbar“

Inspiriert wurden sie dabei von der schon bestehenden Trachtenkleidung aus den ländlichen Regionen zwischen Salzburg und München. Aus historischer Sicht hat das Dirndl „seit mindestens 120 Jahren das gleiche Design“, ist Dirndl-Expertin Egger überzeugt – nur die verschiedenen Ausfertigungen variierten mit der Zeit. Wo das Dirndl ursprünglich einmal zuerst auftauchte, sei „heute nicht mehr nachvollziehbar“, so Egger.

Schon vor dem Engagement der Bielefelder in München war das Dirndl in der bayerischen Landeshauptstadt bekannt. Ende des 19. Jahrhunderts reisten vermehrt Städterinnen aufs Land, um die „Sommerfrische zu genießen“, erklärt Egger. Die Menschen auf dem Land zogen für den wohlhabenden Besuch ihre Trachtenkleider an – so entstanden auch die beliebten Tourismusregionen im Voralpenland.

Wegen „verklemmten Nazis“: prüdes Dirndl im Nationalsozialismus

Unter dem Nazi-Regime mussten die Wallach-Brüder ihre Sammlung aufgeben und flohen in die USA. Im Deutschen Reich beauftragte man währenddessen die erklärte Nationalsozialistin Gertrud Pesendorfer mit einer „Trachtenerneuerung“. Pesendorfer „suchte Besonderheiten in den einzelnen Regionen und entwarf jeweils einen eigenen Typus, der sich durchaus am Dirndl orientierte“, erklärt Egger.

Grundsätzlich verändert habe Pesendorfer das Dirndl-Design dabei aber nicht. „Die Nazis waren prüde, aus heutiger Sicht verklemmt, in der Zeit wurden die Ausschnitte nicht tiefer gemacht“, meint die Expertin. „Verschiedene Ausschnitte gab es schon, seitdem es das Dirndl gibt“, ergänzt Egger. Unter dem NS-Regime war das Dirndl eher hochgeschlossen.

Den Nationalsozialisten war es vielmehr ein Anliegen, „über das Thema Volkskultur ihre Ideologie zu verbreiten“ – zum Beispiel in Form von Dirndln. Die tiefen Ausschnitte kamen erst in den 1980er Jahren wieder und haben sich bis heute gehalten.

Dank „perfektem Schnitt“: Dirndl als zeitloses Modestück?

Ein Mieder-Oberteil, ein angereihter Rock und Schürze: „Das Dirndl hat den perfekten Schnitt, es ist wiedererkennbar und unkompliziert“, meint Egger. Es bietet „unglaublich viel Flexibilität“ und erlaubt es seinen Trägerinnen stets mit der Zeit zu gehen. Vielleicht auch deshalb scheint seine Popularität in den vergangenen Jahren immer weiter zu steigen.

Die Kulturwissenschaftlerin erkennt vor allem ab den 2000ern eine starke Zunahme der Beliebtheit des Dirndls. Nach Aussage der Expertin wäre es, nach dem „langen Hype“, aber „normal“, wenn dieser irgendwann auch wieder weniger wird. Auch die Frage, auf welcher Seite seine Trägerin die Schleife gebunden hat, beschäftigt alljährlich zur Wiesn-Zeit die Besucher – Eine Verwechslung kann im Bierzelt schnell einmal zu unangenehmen Situationen führen. (mlh)